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Ende der 1970er Jahre jedoch war ein Umsatzrückgang nicht mehr wegzudiskutieren. Gründe mögen die nachlassenden Geburtenraten, geringere durchschnittliche Wohnflächen und die zunehmende Konkurrenz durch meist in den asiatischen Staaten gefertigten Billigspielwaren gewesen sein, jedenfalls machte man sich bei Carrera auf die Suche nach neuen Umsatzbringern, wobei man hier - in der Rückschau muß man sagen: fatalerweise - auf die neue Carrera-Servo setzte.

Dieses System einer spurunabhängigen Rennbahn mit lenkbaren Fahrzeugen sah in den Katalogen und diversen Werbespots von Carrera tatsächlich sensationell aus: Jetzt konnte man anscheinend wirklich auf der Ideallinie den  Kurs umrunden, sich in den Windschatten des Gegners begeben, um diesen dann zu überholen und wieder auf die Ideallinie einzuscheren. Leider hielt dieses System nie, was es versprach; neben technischen Problemen, die dazu führten, daß die Autos öfter einmal einfach stehenblieben, war der Spielspaß mit diesen Bahnen längst nicht so phantastisch, wie es zunächst den Anschein hatte.

Technisch bedingt lenkten diese Autos nämlich immer; um nun zu verhindern, daß die Modelle auch auf den geraden Streckenabschnitten von der Bahn abkamen, waren die Streckenteile mit seitlichen Banden versehen, die natürlich auch dafür sorgten, daß das Auto selbst in einer zügig gefahrenen Kurve nicht durch die Zentrifugalkraft von der Strecke geschleudert wurde, sondern sich an diese Bande “anlehnen” konnte. Um dieses Kurvenfahren auch in den Kurveninnenbahnen zu ermöglichen, waren die Fahrzeuge mit wuchtigen Führungsschuhen an der Front ausgestattet, die ein Einfädeln in diese Banden ermöglichen sollten. Da dies jedoch eine knifflige Angelegenheit war, fuhr man doch besser den weiteren Weg über die Außenbahn, da man hier kaum Gas wegnehmen mußte. Die Führungsschuhe störten darüber hinaus empfindlich die Optik der Fahrzeuge, da diese klobigen Fremdkörper auch ansonsten original nachgebildete Modellrennwagen recht merkwürdig aussehen ließen.

Da dieses Fahren  kein großes Geschick mehr erforderte, kam dann auch schnell Langeweile auf, was dazu führte, daß Nachkäufe von Bahnstücken und Autos, die bei den klassischen spurgebundenen Systemen einen großen Anteil der Umsätze ausmachten, bei den Servo-Bahnen mehr und mehr ausblieben.

Aber durch die Anfangserfolge ermutigt, baute Carrera seine Servo-Bahnen auf drei Maßstäbe aus (allerdings wurde die Servo nie im Maßstab 1:24 gefertigt, dieser “King-Size”-Maßstab blieb der Carrera 124 vorbehalten), was zur Folge hatte, daß die Händler nun nicht weniger als sechs verschiedene Carrera-Autorennbahnsysteme im Lager vorhalten mußten, um ihren Kunden die gesamte Systempalette von Carrera anbieten zu können. Man hoffte bei den umsatzverwöhnten Fürthern wohl, zusätzliches Marktpotential zu erschließen, aber aus den obengenannten Gründen wurde die Zahl der Käufer eher knapper und zwischen den verschiedenen Carrera-Systemen stellte sich ein Verdrängungswettbewerb ein, der dazu führte, daß bei allen Systemen nicht mehr die Umsätze erzielt werden konnten, die notwendig gewesen wären, um weiterhin gewinnbringend produzieren zu können. Welchen Sinn es z.B. hatte, die Servo-Bahnen neben dem bekannten Maßstab 1:32 zusätzlich auch noch im nicht wesentlich kleineren Maßstab 1:40 zu produzieren, bleibt aus heutiger Sicht unverständlich. Die Bahnen unterschieden sich von der Größe her nur wenig; für beide Systeme mußten aber kostenintensive Formen für Bahnstücke und Autos separat entwickelt werden, was sich in der Folgezeit als nicht rentabel erwies.

Carrera 124 und die anderen spurgebundenen Systeme, zu denen neben der bekannten Universal inzwischen auch das im kleinen Maßstab 1:60 gehaltene System Carrera 160 gehörte, verblieben nach wie vor im Programm. Allerdings war von Katalogjahr zu Katalogjahr zu bemerken, daß der Hauptfokus von Carrera inzwischen auf dem Servo-System lag und die Universal und besonders die 124 nur noch “mitgeschleppt” wurden, um die alten Anhänger nicht zu verärgern. Insbesondere bei der 124 gab es kaum noch Formneuheiten, wenn überhaupt, profitierte sie von Innovationen wie Racing-Computer und elektronischem Rundenzähler, die aber übergreifend für alle Systeme eingeführt wurden und nur noch eine spezifische Impulsfahrbahn-Schiene benötigten. Als letzte neue Modelle wurden im Katalog 1980/81 der Porsche 935 sowie der BMW M1 angekündigt. Aus Kostengründen wollte man hier wohl die Karosserien der ebenfalls im Maßstab 1:24 gehaltenen ferngesteuerten Carrera-”Structo”-Modelle verwenden, um diese auch als Rennbahnautos für Carrera 124 anbieten zu können. Im Falle des Porsche 935 wurde das auch so durchgeführt, dieses Modell erschien - völlig untypisch für Carrera 124 - ohne Fahrereinsatz und mit dunkelblau getönten Scheiben und wirkte dadurch etwas simpel. Der BMW M1 hingegen war nur ein Katalogphantom und wurde für die 124er-Serie gar nicht mehr produziert.

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Aus besseren Zeiten: Eines der beeindruckenden Katalogbilder - hier aus dem Katalog 1974/75. Die damaligen Carrera-Kataloge wurden von der Nürnberger Werbeagentur “DIE ZWEI” gestaltet. Inhaber Helmut Meyer zur Capellen war der Fotograf dieser  Aufnahmen, in denen er Modelle und Gebäude geschickt vor natürlichen Hintergründen in Szene setzte.

Die durch die Servobahnen erzielten Umsatzsteigerungen waren zunächst erheblich, aber leider nur ein Strohfeuer. Denn angesichts der eher bescheidenen Möglichkeiten und der technischen Empfindlichkeit nahm die Begeisterung schnell wieder ab. Wie oben schon dargestellt, konnten die Investitionen, die die Entwicklung und Produktion der Servobahnen erforderlich gemacht hatten, nicht amortisiert werden und so geriet Carrera in den 1980er Jahren in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten, die Anfang 1985 zur Eröffnung des Konkursverfahrens führten. Bereits im Katalog 1981/82 war das Angebot für Carrera 124 radikal zusammengestrichen worden. Aufgeführt wurden noch eine Grundpackung sowie sieben Einzelmodelle; im hinteren Teil des Kataloges wurde das System auf gerade einmal acht Seiten abgehandelt. In der beschreibenden Einführung - die allein schon zwei der acht Seiten zur Carrera 124 ausmachte - wurde der gar nicht existente BMW M1 als Referenzmodell mit den Worten “Die Abbildung zeigt den BMW M1 in der Originalgröße des Maßstabes Carrera Servo 1:24” beschrieben! Wenn schon der Hersteller seine Systeme offensichtlich durcheinander brachte, konnte man den Händlern und Kunden eine gewisse Verwirrung nicht übel nehmen.

Im darauffolgenden Katalog 1982/83 war es dann soweit: Das System Carrera 124 wurde nicht mehr aufgeführt und war somit nach 15 Jahren offensichtlich eingestellt worden. Aus Resten wurden noch schlicht gestaltete Modelle ausgeliefert wie z.B. ein roter Porsche 911 RSR Turbo mit der Art.Nr. 40642. Dieser war teilweise mit den Rädern des BMW 3.0 CSL ausgestattet, die Scheiben waren wie bei dem aus dem Structo-Modell abgeleiteten Porsche 935 tiefblau eingefärbt, um den Blick auf den fehlenden Fahrereinsatz und das dadurch für den Beobachter zu erkennende “Innenleben” des Chassis zu erschweren; alles in allem nur noch ein schwaches Abbild vergangener Zeiten.

Mit dem Konkurs 1985 und dem kurz darauf folgenden Suizid Hermann Neuhierls war das Kapitel Carrera 124 endgültig beendet. Der Freitod des einst so erfolgreichen Unternehmers hinterläßt bis heute einen schwarzen Fleck in der Carrera-Firmengeschichte. Wie sehr muß dieser Mann sich mit seiner Firma und seinen Produkten identifiziert haben, daß er trotz einer zugesagten Weiterbeschäftigung unter dem neuen Inhaber und einer ebenfalls zugesagten Vergütung für seine Patente anscheinend so tief getroffen war, daß er keine andere Möglichkeit mehr sah, als seinem Leben ein Ende zu setzen? Der einst so strahlende Aufstieg der Carrera-Autorennbahn hatte hier seinen tragischen Abschluß gefunden.

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Aus dem Katalog 1968: Die Faszination solcher Bilder reichte leider nicht bis in die 80er Jahre, 1982 kam das “Aus” für Carrera 124.

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