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In den 1980er Jahren begann die “dunkle” Zeit des Slotracing. Alle anderen Markenhersteller mit Ausnahme von Carrera hatten sich aufgrund des schwindenden Interesses inzwischen aus diesem Markt zurückgezogen. Carrera selbst war nach dem Konkurs zwar noch mit seiner neuen “Profi”-Bahn, eines im Maßstab 1:40 gehaltenen spurgebundenen 2-Leiter-Systems sowie der Servo in zwei Maßstäben vertreten, rangierte aber in Sachen Qualität eher am unteren Ende einer imaginären Skala. Um das schwer angeschlagene Unternehmen zu sanieren, setzte der neue Eigentümer auf konsequente Kostensenkungen, die sich aber leider auch an den Produkten bemerkbar machten. Die Fahrzeuge waren simpel zusammengesteckt, die Detaillierung der Modelle war schwach und erinnerte an Angebote billiger Versandhaus-No-Name-Ware. Mit dem, was Carrera einst ausgezeichnet hatte, hatten diese Bahnen nichts mehr zu tun.

Zurückschauend läßt sich bemerken, daß der einzig positive Aspekt jener Zeit war, daß viele Händler ihre Restbestände alter Universal- und 124er Ware aus dem Lager haben wollten. Grundpackungen, Autos, Schienen, Gebäude: alles wurde teilweise erheblich unter den ursprünglichen Preisen an die Interessenten abgegeben. Wer sich damals reichlich mit Material eingedeckt hätte und die Artikel viele Jahre später wieder verkaufen würde, erzielte Renditen, von denen auch die besten Aktienfonds nur träumen können.

Denn die “Carrera-Generation”, die um 1960-1975 geboren wurde, war inzwischen erwachsen geworden und erinnerte sich an das Spielzeug der Kindheit. Viele mochten sich mit der Carrera-Bahn ein Stück dieser Kindheit zurückkaufen bzw. erhalten und suchten nach den Schätzen, die damals in hunderttausenden Haushalten zu finden waren. Da aber insbesondere die Autos durch die Rennerei, die ja auch der ihnen zugedachte Zweck war, mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist festzustellen, daß ein inzwischen sehr beschränktes Angebot guterhaltener Fahrzeuge auf eine hohe Nachfrage trifft. Was diese Konstellation für eine Wirkung auf die Preise hat, läßt sich leicht nachvollziehen.

1989 erlebten die Anhänger der Carrera 124 eine Überraschung: Wenn man Glück hatte oder nach Carrera-Restbeständen beim Händler fragte, konnte es sein, daß einem ein Hochglanzprospekt in die Hand gedrückt wurde, auf dem neben dem bekannten Carrera-Logo in goldenen Lettern der Begriff “Exclusiv” und die bekannten Zahlen “1:24” ins Auge sprangen. Auf Schienen, die denen des verblichenen 124er-Systems sehr ähnlich waren, konnte man einen roten Ferrari Dino und ein goldenes Cobra Daytona Coupé ausmachen. Was hatte das zu bedeuten?

Was in der Szene niemand für möglich gehalten hatte, war Wirklichkeit geworden: Die Carrera 124 erlebte eine Wiederauflage unter der Bezeichnung “Exclusiv”. Im Innern des Prospektes wurden eine Grundpackung auf Basis des alten 124er-Schienensystems sowie diverse Fahrzeuge angeboten. Wie im Jahre 1967 startete man auch hier mit 6 verschiedenen Modellen, allesamt Neuauflagen ehemaliger 124er Fahrzeuge. Zwar unterschieden sich diese in einigen Details, wie Startnummern oder Designelementen von den Originalen aus den 1960er Jahren, aber auf den 124er-Anhänger machte das alles doch einen sehr vielversprechenden Eindruck. Die Fahrzeuge waren zwar alle mit den gleichen Einheits-Speichenfelgen ausgestattet, die im Hinblick auf die Vorbilder etwas unpassend wirkten, doch konnte man hier hoffen, daß es sich um Fotomuster handelte und die tatsächlichen Modelle dann ansprechender gestaltet waren.

Leider trog diese Hoffnung: Auch bei diesem speziell auf Erwachsene zugeschnittenen System war der Kostendruck zu spüren: Die Fahrzeuge erhielten tatsächlich alle Einheitsfelgen aus etwas billig wirkendem Kunststoff, das Finish der Fahrzeuge war zwar nicht schlecht, aber nicht so gut wie das der Originale aus den 1960er und 1970er Jahren. Das Chassis war quasi unverändert von der 124 übernommen worden; es war das bestens bekannte Wannenchassis mit Schwingarm. Einzig die aufgeprägte Bezeichnung “Exclusiv” auf der Unterseite zeigte, daß man es mit einer Neuproduktion zu tun hatte. Ferrari Dino und Porsche Carrera 6, auch hier wieder in der Grundpackung vertreten, waren sogar mit Licht ausgestattet, ein Extra, auf das die Anhänger der Carrera 124 immer verzichten mußten. Bedauerlicherweise führte die Konstruktion dieser Beleuchtung zu einer Umgestaltung der Scheinwerferpartie des Carrera 6, was dem optischen Eindruck dieses Fahrzeuges  nicht gerade zugute kam.

Technisch waren diese neuen Fahrzeuge mit einem stärkeren Motor sowie einer deutlich längeren Übersetzung im Vergleich zu den 124er-Fahrzeugen ausgestattet. Das ermöglichte zwar hohe Endgeschwindigkeiten, führte aber gleichzeitig zu einem schlechten “Bremsverhalten” der Autos. Ließ man den Regler los, rollten die Exclusiv-Renner deutlich länger aus als ihre 124er-Ahnen. Auf großen Rennstrecken mit langen Geraden machte das durchaus Spaß, aber angesichts der Tatsache, daß die meisten potentiellen Kunden wohl eher über beschränkte Aufbauflächen verfügten und daher vornehmlich auf kurvenreiche, verwinkelte Kurse setzten, war die neue Technik eher nachteilig.

Die anfängliche Euphorie über das neue System legte sich rasch. Fahrzeuge und Schienen waren teuer, schlecht verfügbar und wurden darüber hinaus im Laufe der Jahre immer mehr vereinfacht. Insbesondere nachdem die Fertigung der Modelle nach Tschechien verlegt wurde, zeigte sich ein deutlicher Qualitätsverfall. Die Modelle, die über eine Lexan-Karosserie verfügten, wurden teilweise so schlecht lackiert, daß man durch die Karossen ohne weiteres hindurchsehen konnte. Gänzlich rote Fahrerköpfe, bei denen man sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, die Gesichter zu bemalen, vereinfachte Chassis, in denen der Schwingarm wegrationalisiert wurde, Formel 1-Fahrzeuge, die nur verschieden lackiert wurden, aber über eine Einheitskarosserie verfügten, spärlich dekorierte und detailarme Autos aus billig wirkendem Kunststoff sowie IndyCars, die an Spielautos erinnerten, die früher zu etwas vornehmeren Schokoladentafeln beigelegt wurden: Das war die Entwicklung des Systems Exclusiv in den folgenden Jahren. Wohlgemerkt die Entwicklung eines Systems, welches sich an der erwachsenen Hobby-Klientel orientieren sollte und diesem Anspruch nur durch die Preise gerecht wurde. Denn die waren noch das exklusivste an diesem System.

In Anbetracht der Tatsache, daß ein solches Auto damals schon weit über 100,- DM kostete, war der Gegenwert, insbesondere bei den späteren Modellen aus tschechischer Fertigung, inakzeptabel. Im Hause Carrera ging man wohl davon aus, daß der Traditionsname und das rot-weiße Logo reichen würden, um die Kunden zufriedenzustellen. Dies sollte sich allerdings in der Zukunft als Irrglaube herausstellen.

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Carrera Exclusiv als Nachfolgesystem der Carrera 124: Auf diesem Bild aus dem Katalog 1997 macht das Produkt auf den ersten Blick keinen schlechten Eindruck. In den Details der Fahrzeuge erkennt man bei genauerem Hinsehen jedoch die Vereinfachungen im Vergleich zu den Modellen der 124.

Mitte der 1990er Jahre erlebte der Bereich Autorennbahn eine erste vorsichtige Wiederbelebung durch neue Anbieter aus Spanien, die auf den Markt kamen. Hierbei sind in erster Linie die Produkte der Firmen Ninco und Fly zu nennen. Diese zeigten, wie zeitgemäße, detaillierte Fahrzeuge für die Autorennbahn aussehen können. Zwar waren diese Autos im Maßstab 1:32 gefertigt, doch wird so mancher entäuschter Anhänger des großen Maßstabs von Carrera an diesen Fahrzeugen Gefallen gefunden haben, auch wenn es “nur” 1:32 war, was ihm da angeboten wurde. Vor allem die Firma Fly aus Madrid legte die Meßlatte für hervorragend detaillierte Rennfahrzeuge im Slot-Racing-Bereich sehr hoch und zwang die etablierten Hersteller zu einem radikalem Umdenken, was die optische Qualität ihrer Produkte anging.

Carrera hatte sich durch die bescheidene Qualität wiederum ins Abseits manövriert und stand erneut vor erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. 1999 erfolgte ein erneuter Eigentümerwechsel. Der österreichische Spielwarenimporteur Stadlbauer, der schon zu Neuhierls Zeiten Carrera erfolgreich nach Österreich gebracht hatte, übernahm die Firma und begann mit einer erneuten Sanierung. Diesmal fiel das Bahnsystem im Maßstab 1:24 diesen Maßnahmen glücklicherweise nicht zum Opfer. Das Label “Exclusiv” wurde übernommen, die unseligen Fahrzeuge wie Ferrari F40 oder Porsche 911 Carrera mit ihrer Billig-Anmutung aus dem Programm genommen und endlich wieder detaillierte Modelle für das große System produziert.

Zunächst konzentrierte man sich bei den neuen Eigentümern auf den Ausbau des “Evolution”-Systems im Maßstab 1:32, da dies zum einen der wesentlich umsatzstärkere Markt im Bereich der Autorennbahnen ist und man hier außerdem im Wettbewerb zu den namhaften Konkurrenten aus England und Spanien steht. Ab 2005 wurde jedoch der große Maßstab 1:24 wieder stärker ins Visier genommen. Ergebnis dieser Bemühungen waren die Ende 2005 erschienenen Modelle der Exclusiv-Serie, die technisch deutlich überarbeitet waren und auch optisch einen bisher nicht gekannten Detaillierungsgrad erreichten. Die Fahrzeuge wurden mit einem komplett neu entwickelten Chassis ausgerüstet, welches über eine gefederte Vorderachse, einen herausnehmbaren und schnell auszuwechselnden Motor-/Getriebeblock, verstellbare Bodenfreiheit, diverse montierbare Magnete und - als Reminiszenz an die legendäre Carrera 124 - wieder einen Schwingarm, der ebenfalls in der Höhe verstellbar war, verfügte.

Auch optisch konnten die neu ins Programm genommenen Nachbildungen des Ferrari 330 P4, Ferrari 575 GTC und der Corvette C6R überzeugen. Wie ernst es Carrera mit der Aufwertung der großen Bahn war, zeigt sich auch in dem Umstand, daß man sämtliche bisher im Programm zu findende Modelle wie Audi R8, Panoz Esperante, Jaguar E und andere, die noch mit der alten Technik ausgestattet waren, ab 2005 nicht mehr anbot.

Einzig der Porsche Carrera 6 und der Ferrari 250 GT SWB wurden aus der “alten” Exclusiv-Serie übernommen, aber ebenfalls ab 2005 mit dem neuen, technisch verbesserten Chassis ausgerüstet. Dazu mußten die bereits vorhandenen Formen für die Karosserien mit geänderten Befestigungspunkten für das neue Chassis überarbeitet werden; auch diesen Aufwand scheute man im Hause Carrera nicht.

Von den insgesamt sechs verschiedenen Autorennbahnsystemen, die von Carrera unter Hermann Neuhierl produziert wurden, hat nur Carrera 124 die bewegte Vergangenheit ”überlebt”. Einerseits natürlich im Exclusiv-System als direktem Nachfolger, aber auch in den Bahnsystemen Evolution und den neuen digitalen Systemen in 1:32 und 1:24, die alle auf dem Schienensystem der 124 basieren. So ist es z.B. ohne weiteres möglich, selbst Anlagen der  Digitalsysteme “Pro-X”, “Digital 132” und “Digital 124” mit Bahnstücken von Carrera 124 auszubauen und zu erweitern.

Auf der Spielwarenmesse 2007 stellte Carrera als Nachfolger von “Pro-X” die neue “Carrera Digital 132” vor. Auch wenn hier nach langen Jahren wieder einmal der Maßstab im Namen des Systems enthalten war, hatte diese Neuerung auch Einfluß auf die Exclusiv-Reihe in 1:24: Alle Exclusiv-Fahrzeuge ab 2007 können durch den Einbau einzeln erhältlicher Digitalchips ganz einfach für den Betrieb auf “Digital 132”-Bahnen umgerüstet werden. Exakt 40 Jahre nach Start der großen Carrera-Bahn als Carrera 124 war das System damit im digitalen Zeitalter mit den entsprechenden erweiterten Spielfunktionen, wie z.B. 6 Fahrzeuge auf 2 Spuren unabhängig voneinander fahren zu können, angekommen.

Zur Messe 2008 erfolgte dann konsequenterweise die Vorstellung des Systems Carrera Digital 124; die Bezeichnung “Exclusiv” wurde gleichzeitig aufgegeben. Da die neuen Fahrzeuge von Carrera Digital 124 ohne weitere Modifikationen auch auf analogen Bahnen fahren können, sind aber auch für Carrera 124 bzw. Exclusiv-Fahrer und -Sammler weiterhin neue Fahrzeuge verfügbar. Den Anfang machten 2008 die Modelle Ferrari 250 GTO und Chevrolet Corvette Grand Sport , die trotz eingebautem Digitalchip ohne weiteres auch auf alten Carrera 124- und natürlich auch Exclusiv-Anlagen betrieben werden können.

Abzuwarten bleibt, wie lange Carrera weiterhin Teile wie Anschlußstücke, Transformatoren und Geschwindigkeitsregler für den analogen Spielbetrieb produziert oder ob der große Maßstab in fernerer Zukunft ausschließlich mit digitalen Komponenten angeboten wird. Angesichts der großen Zahl an Gebrauchtteilen auf dem Markt bzw. der Möglichkeit, auch andere Stromversorgungsquellen an die Bahn anzuschließen, braucht jedoch kein Anhänger des Maßstabs 1:24 Sorge zu haben, seine Bahn in Zukunft nicht mehr betreiben zu können.

So bleibt festzuhalten, daß 23 Jahre nach dem Ende der Ära Neuhierl die  “magische” Zahl 124 wieder in der Bezeichnung eines Carrera-Autorennbahnsystems zu finden ist. Nach über 40 Jahren sind die Bahnen und Fahrzeuge immer noch ein populäres “Spielzeug” und alle Anhänger hoffen, daß dies auch noch lange Zeit so bleiben wird.

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Detailfotos des Ferrari 330 P4 von Carrera Exclusiv, der ab Oktober 2005 angeboten wurde. Das Vorbild gehört sicherlich zu den schönsten Rennsportwagen,,die je gebaut wurden, aber das Carrera-Modell steht dem nicht nach: Der Ferrari im Maßstab 1:24 ist mit einer Präzision nachgebildet, die vor gar nicht langer Zeit nur hochwertigen und teueren Standmodellen vorbehalten war. (Fotos: Arno Petersen)

Eine ausführliche und hervorragend recherchierte Darstellung der Carrera-Firmengeschichte findet sich im Buch “Carrera 160 132Universal 124 Jet” von H. Smits-Bode (www.mekcar.de). Für einige Passagen dieses Textes diente dieses Buch als Quelle.

 

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